Geschichte

Geschichte der Kunsthalle Recklinghausen

Das Ende des Zweiten Weltkriegs, diese oft beschworene »Stunde Null« der deutschen Geschichte, bedeutete auch für Recklinghausen einen absoluten Neubeginn der Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit. Franz Große-Perdekamp, der damalige Leiter des heimatkundlichen Museums, versammelte Künstler des rheinisch-westfälischen Raums zu gemeinsamen Ausstellungen und regte sie an, sich als Gruppe zu formieren. Der »junge westen« war geboren, ohne dass man sich einem tatsächlichen Programm verpflichtet fühlte. Im Zentrum der Gruppe standen Gustav Deppe und Thomas Grochowiak, später langjähriger Direktor der Recklinghäuser Museen, Emil Schumacher, Hans Werdehausen und Ernst Hermanns, der einzige Bildhauer unter den Genannten. »Diese Künstler«, schrieb Große-Perdekamp, »nehmen das Lebensgefühl des Industrieraums in ihr eigenes schöpferisches Tun herein, um in Gestaltungen, die nicht anschaulich begriffen werden können, dieses moderne Lebensgefühl künstlerisch zum Ausdruck zu bringen. Die Abstraktion wird dabei ein unumgängliches Mittel.«

Ebenfalls 1948 stiftete die Stadt Recklinghausen den Kunstpreis »junger westen«, den man zunächst für die besten Leistungen auf den Jahresausstellungen der Gruppe und ihrer Gäste vergab. Seit 1956 wird er jedoch öffentlich ausgeschrieben. Als der erste Kunstpreis, den eine Kommune nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland vergab, spiegelt sich in der Liste der Preisträger auch die Geschichte der deutschen Kunst nach 1945. Denn hier findet man Emil Schumacher und K.O. Götz ebenso wie HAP Grieshaber, Emil Cimiotti, Horst Antes, Erich Hauser, Gerhard Richter und Ansgar Nierhoff. Die angekauften Werke der Preisträger bilden den eigentlichen Sammlungsschwerpunkt der Kunsthalle Recklinghausen. Einen weiteren setzten das deutsche Informel, sowie eine konzentrierte Sammlung kinetischer Objekte.

1950 richtete man die Städtische Kunsthalle im ehemaligen Hochbunker am Hauptbahnhof ein. Anlass gab der Gedanke, die 1947 gegründeten Ruhrfestspiele durch Ausstellungen der bildenden Kunst zu erweitern. Der Betonklotz wurde aufgesprengt, größtenteils entkernt und mit der – fünf Jahre nach Kriegsende – spektakulären Ausstellung »Deutsche und französische Kunst der Gegenwart – eine Begegnung« eingeweiht.

Das Ausstellungsprogramm der Kunsthalle Recklinghausen widmet sich der Kunst nach 1945 und mit besonderem Augenmerk zeitgenössischen Künstlern, wobei alle Gattungen gleichermaßen vorgestellt werden. Ein besonderes Augenmerk gilt immer auch den Preisträgern des Kunstpreises »junger westen«, die in Einzelausstellungen gezeigt werden. Anfang der 1990er Jahre verabschiedeten sich die Kunstausstellungen der Ruhrfestspiele von ihrer langjährigen Tradition thematischer Übersichtsschauen  (Kunst als Spiel – Spiel als Kunst, Der Einzelne und die Masse, Wer hat dich, du schöner Wald …)  und präsentieren seitdem Raum bezogen arbeitende Künstler von internationalem Rang wie Per Kirkeby, Jannis Kounellis, Tadashi Kawamata, Ayse Erkmen und Guillaume Bijl. 

Der Aufbau einer kleinen Sammlung zur Kunst des 20. Jahrhunderts begann bereits in den 1920er Jahren und beschränkte sich vornehmlich auf Künstler aus Westfalen. Die Zerstörung des Vestischen Museums 1944 und vor allem die Beschlagnahme  moderner Kunst durch die nationalsozialistische Aktion »Entartete Kunst« führten zu einem nach 1945 nur schwer ausgleichbaren Aderlass. Auch heute noch prägen westfälische Künstler den Sammlungsbereich zur Kunst des Expressionismus. Gerade das gibt ihm jedoch ein unverwechselbares Profil.

1948 fanden in Recklinghausen zum ersten Mal die Ruhrfestspiele statt. Aus der Erkenntnis, dass ihr kultureller Auftrag über Theaterveranstaltungen hinausgehen müsse und die Bildende Kunst nicht fehlen dürfe, wurde die Städtische Kunsthalle gegründet. Ein Hochbunker am Bahnhofvorplatz wurde umgebaut und 1950 seiner Bestimmung als Ausstellungshalle übergeben

Das Sammlungsprogramm zeitgenössischer Kunst ist am umfassendsten in der grafischen Sammlung dokumentiert. Die Gemälde- und Skulpturenabteilung enthält vorwiegend Werke deutscher Künstler. Die bereits in den dreißiger Jahren für das Vestische Museum geplante und begonnene Sammlung »Westfälische Kunst des 20. Jahrhunderts« wurde weiter ausgebaut. 

Sie reicht von Lehmbruck, Morgner, Rohlfs, Viegener, Albers über die Künstlergruppe »junger westen«, deren Mitglieder mit mehreren Werken aus unterschiedlichen Schaffensperioden vertreten sind.

1969 wurde die Abteilung »Kunst als Spiel« eingerichtet, in der zahlreiche kinetische Objekte, Lichtspiele und Spielobjekte enthalten sind.

Jeweils ab Mai findet die Kunstausstellung der Ruhrfestspiele Recklinghausen in der Kunsthalle statt. Zunächst themenbezogen, werden sie seit 1993 mit wenigen Ausnahmen jeweils einem bedeutenden internationalen Künstler gewidmet:  

1993 Jannis Kounellis

1994 Per Kirkeby

1995 Tadashi Kawamata

1996 Kunst des Westens – Deutsche Kunst 1945–1960 (Thematische Ausstellung)

1997 Ayse Erkmen, 

1998 Guillaume Bijl

1999 Henry Moore

2000 Waldo Bien

2001 Julio González

2002 Barry Flanagan

2003 Marino Marini

2004 Günther Förg

2005 Ben Willikens

2006 Konrad Klapheck

2007 Magdalena Jetelova

2008 Tatsuo Miyajima

2009 Tuomo Manninen

2013 Jan Fabre

2014 Saga – Island: Wenn Bilder erzählen (Thematische Ausstellung)

2015 Daniel Buren

2016 Fabrizio Plessi